Fragen und Anmerkungen zum Zweiten Weltkrieg (II)

Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ

„Eines Tages sagte mir Präsident Roosevelt, dass er die Öffentlichkeit um Anregungen ersuche, wie der Krieg benannt werden solle. Ich erwiderte sofort: ‚Der unnötige Krieg‘. Niemals hätte sich ein Krieg leichter verhindern lassen als dieser, der eben alles vernichtet hat, was von der Welt nach dem vorangegangenen Kampf noch übriggeblieben war.“
Winston Churchill, Der Zweite Weltkrieg, Bern-Stuttgart, 1954, S. 10

Die Darstellung des Zweiten Weltkrieges in der Geschichtsschreibung leidet in der Regel darunter, dass die meisten Historiker sie sozusagen „vom Ende her“ aufrollen. Das führt dazu, dass Entwicklungen in einer bestimmten Richtung scheinbar unausweichlich sind und mögliche Alternativen der handelnden Personen außer Acht gelassen werden.

Nehmen wir ein recht aktuelles Beispiel, um dies zu verdeutlichen: die Grenzöffnung für Hunderttausende von „Flüchtlingen“ im Herbst 2015. Zwar will uns die Bundeskanzlerin weismachen, dies sei alternativlos gewesen, doch ist den meisten Menschen in diesem Lande sehr wohl bewusst, dass es auch andere Möglichkeiten gegeben hätte, wenn man wirklich gewollt hätte – aber die Vorstellung „unschöner Bilder“ hat Frau Merkel davon abgehalten, die Grenzen sichern zu lassen.

Aber zurück zu den Ereignissen des Zweiten Weltkrieges. Mehrere Fragen ergeben sich: Hat es ernst gemeinte Friedensangebote von deutscher Seite gegeben? Wenn ja, wurden diese ausgeschöpft? Welche Versuche wurden seitens der Gegner Deutschlands unternommen, den Frieden zu retten bzw. einen Weltkrieg zu verhindern?

„Ein vernünftiges Angebot“

Der britische Premierminister Neville Chamberlain rechnete nach dem deutschen Sieg über Polen mit einem „sehr vernünftigen Angebot“ Hitlers. „Aber“, so schrieb er an seine Schwester, „wir müssen das Friedensangebot zurückweisen und die Blockade fortsetzen.“

Am 6. Oktober 1939 – also nach der militärischen Niederlage Polens – hielt Hitler eine Rede im Sitzungssaal der Kroll-Oper. Nachdem er auf die Vorgeschichte des Konflikts und die Zusammen-arbeit mit der Sowjetunion eingegangen war, fuhr er fort: „Die Völker dieser beiden größten Staaten Europas waren dann am glücklichsten, wenn sie miteinander in Freundschaft lebten.“ Gemeinsam wolle man daran gehen, in Osteuropa „Umsiedlungen von Nationalitäten vorzunehmen, um auf diese Weise wenigsten einen Teil der europäischen Konflikte zu beseitigen.“ (zit. nach Paschen, die Weltenlenker, s.u., S. 551) Es ist wahr, dass die Vielvölkerstaaten in Mittel- und Osteuropa Konflikte begünstigt haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Winston Churchill am 15.12.1944 vor dem Unterhaus zur Rechtfertigung der Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten ähnlich argumentierte: „Die Vertreibung ist, soweit wir in der Lage sind, es zu überschauen, das befriedigendste und dauerhafteste Mittel. Es wird keine Mischung der Bevölkerung mehr geben, wodurch endlose Unannehmlichkeiten entstehen …“

Hitler betonte in seiner Rede, dass es das Ziel seiner Außenpolitik gewesen sei, die „Ungerechtigkeiten und Unsinnigkeiten“ des Versailler Vertrages zu beseitigen. Dabei habe er sich auch um eine Verständigung mit den Großmächten bemüht: Mit dem einstigen Gegner Italien sei man befreundet. Frankreich habe er angeboten, die „alte Feindschaft für immer zu begraben“. Um die Freundschaft mit Großbritannien habe er sich bemüht: „Eine wirkliche Befriedung in Europa und in der Welt kann es nur geben, wenn sich Deutschland und England verständigen.“ Als weitere Voraussetzung schlug er vor, einen freien Handel zu erleichtern durch eine „Neuordnung der Märkte und eine endgültige Regelung der Währungen“. Überdies sei für die Herstellung des Friedens eine Abrüstung erforderlich. Außerdem schlug er eine große Konferenz der Nationen vor, die durch ein internationales Abkommen das „Schicksal Europas auf Jahrzehnte hinaus bestimmen“ könne. „Es wäre doch vernünftiger“, so richtete er sich an die Regierungen in Paris und London, „an diese Lösung heranzugehen, ehe Millionen an Menschen zwecklos verbluten und Milliarden an Werten zerstört sind.“ (zit. nach Paschen, S. 552) Musste, ja konnte man diese Worte Hitlers ernst nehmen? Es gab recht unterschiedliche Reaktionen auf dieses „Angebot“. 

Reaktionen im In- und Ausland

In Deutschland, Italien, Spanien und in einigen neutralen Ländern wurde diese Rede positiv aufgenommen und sogar als „Plattform für den Frieden“ begrüßt. US-Zeitungen dagegen lehnten Hitlers Vorschläge ab: „Hitler ist ohne Zweifel einer der unerhörtesten Lügner in den Annalen der Geschichte seit Beginn der Zivilisation.“ In Frankreich waren die Presseberichte moderater. Das führte dazu, dass der französische Premierminister, Edouard Daladier, gegen die untergründige Hoffnung auf Frieden wenige Tage später im Radio daran erinnerte, warum man „gegen die Aggression zu den Waffen gegriffen“ habe. Ein französischer Sieg solle „Europa von allen Drohungen der Aggression befreien.“ Der Antikriegsstimmung unter den Soldaten versuchte er Herr zu werden, indem er Jagd machen ließ auf „Defätisten und Antimilitaristen“, die den Propagandasendungen von Radio Stuttgart Glauben schenkten: „England will bis zum letzten Franzosen kämpfen.(zit. nach Paschen, S. 552)

Auch in Großbritannien gab es eine untergründige Friedensstimmung. Chamberlain gestand seiner Schwester in diesen Tagen ein, dass gut 40 % der Briefe, die ihn erreichten, verlangten, die Munitionsproduktion und weitere militärische Vorbereitungen mit höchster Kraft voranzutreiben. „Die einzige Chance für Frieden liegt im Verschwinden Hitlers.“ Noch deutlicher äußerte sich Marineminister Winston Churchill in einem vertraulichen Gespräch mit dem sowjetischen Botschafter Maiski: „Ich bin für Krieg bis zum bitteren Ende. Hitler muss vernichtet werden.“ (zit. nach Paschen, S. 554)

Ein ernsthaftes Friedensangebot?

Ist Hitlers „Friedensangebot“ wirklich so abwegig? Hat er diesen Krieg von Anfang an angestrebt, diesen Weltkrieg, den Deutschland nur verlieren konnte und ja auch verloren hat? Waren die anderen Staatenlenker tatsächlich so „unschuldig“ an der Entwicklung? Hatten sie wirklich nur „hehre“ Interessen?

Dem widersprechen Äußerungen wie die des englischen Botschafters in Washington, Lord Halifax, von 1939: „Jetzt haben wir Hitler zum Krieg gezwungen, so dass er nicht mehr auf friedlichem Wege ein Stück des Versailler Vertrages nach dem anderen aufheben kann.“

Oder was halten Sie von der „Erkenntnis“ von Sir Hartley Shawcross, britischer Generalankläger in Nürnberg, in seinem Buch „Stalins Schachzüge gegen Deutschland“, Graz 1963: Hitler und das deutsche Volk haben den Krieg nicht gewollt. Wir haben auf die verschiedenen Beschwörungen Hitlers um Frieden nicht geantwortet. Nun müssen wir feststellen, daß er recht hatte. An Stelle einer Kooperation Deutschlands, die er uns angeboten hatte, steht die riesige imperialistische Macht der Sowjets. Ich fühle mich beschämt, jetzt sehen zu müssen, wie dieselben Ziele, die wir Hitler unterstellt haben, unter einem anderen Namen verfolgt werden…“

James Baker, US-Außenminister von 1989 bis 1992, hat in einem SPIEGEL- Interview (13/1992) gesagt: „…Wir machten aus Hitler ein Monstrum, einen Teufel. Deshalb konnten wir nach dem Krieg auch nicht mehr davon abrücken. Hatten wir doch die Massen gegen den Teufel persönlich mobilisiert. Also waren wir nach dem Krieg gezwungen, in diesem Teufelsszenario mitzuspielen. Wir hätten unmöglich unseren Menschen klarmachen können, daß der Krieg eigentlich nur eine wirtschaftliche Präventivmaßnahme war…“

Hier soll nichts beschönigt werden. Es bleibt der deutsche Angriff auf Polen, der die Ereignisse ins Rollen brachte. Zweifellos hat Hitler hier Vabanque gespielt, in der Hoffnung, England werde nicht zu seiner Beistandserklärung für Polen stehen. Und letzten Endes hat es dies – wie bereits im vorigen Artikel erwähnt – auch nicht getan.

In einem Moment, in dem wie zu Zeiten des Kalten Krieges, wieder über einen Atomkrieg spekuliert wird, sollte man sich klar machen, welche Verantwortung „unsere Weltenlenker“ haben.

Das zumindest können wir aus der Geschichte lernen!

(zit. nach Joachim Paschen, Die Weltenlenker – Zur Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs, Lau-Verlag, Reinbek, 2019)

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