Fragen und Anmerkungen zum Zweiten Weltkrieg (I)

2019 jährt sich zum 80. Mal der Beginn des Zweiten Weltkrieges, Grund genug für unzählige Neuerscheinungen zu diesem Thema. Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ.

Mit dem Angriff deutscher Truppen auf Polen am 1. September 1939 begann dieser Krieg, der – so schreibt es die Mehrzahl der Historiker – von Adolf Hitler von Anfang an als Weltkrieg geplant war. Lassen wir die Vorgeschichte an dieser Stelle beiseite. Stellen wir einfach ein paar Fragen und versuchen, wenn möglich (!), Antworten darauf zu geben.

Haben Sie eigentlich schon einmal darüber nachgedacht, warum nach der Kriegserklärung Englands und Frankreichs an Deutschland (und nicht umgekehrt (!), wie viele Zeitgenossen heute gerne glauben) im Westen Deutschlands keine Kriegshandlungen stattfanden – und dies bis Mai 1940? Für diesen merkwürdigen Zustand haben die Franzosen den Begriff „drôle de guerre“ (“seltsamer Krieg“) geprägt. Weder griff die Wehrmacht – auf ausdrücklichen Befehl Hitlers – Frankreich an, noch griffen französische und englische Soldaten das relativ nahe gelegene Ruhrgebiet an, die Waffenschmiede Deutschlands.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, warum England und Frankreich am 31. März 1939 eine Garantieerklärung für Polen ausgesprochen und am 25. August einen Beistandspakt unterschrieben haben, die sie nicht einlösen konnten oder wollten? Jede Hilfestellung unterblieb, versprochene Waffen wurden nicht geliefert und eine zweite Front im Westen Deutschlands zur Entlastung Polens nicht eröffnet.

Haben Sie verstanden, warum England und Frankreich nach dem Angriff auf Polen zwar Deutschland den Krieg erklärten, nicht aber der Sowjetunion, deren Rote Armee am 17. September aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts (auch Ribbentrop-Molotow-Pakt) und des Geheimen Zusatzprotokolls vom 23. August 1939 in Ostpolen einmarschiert ist?

Wie ist es zu erklären, dass England (Frankreich spielte aufgrund seiner Niederlage zunächst keine Rolle) bei Kriegsende auf den Konferenzen von Jalta und Potsdam zusammen mit seinen Verbündeten, USA und SU, nicht nur eine Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands beschlossen hat, sondern Polen auch ohne jegliche Skrupel dem sowjetischen Einflussbereich überlassen hat?

Deutscher “Überfall”?

In den meisten deutschen Geschichtsbüchern beginnt der Zweite Weltkrieg mit dem deutschen „Überfall“ auf Polen am 1. September 1939. Nun ist ein „Überfall“ per definitionem „im Militärwesen ein Unternehmen auf einen unvorbereiteten Gegner“.

Untersucht man die unmittelbare Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges, so kann von „Überfall“ keine Rede sein. Buchstäblich bis zur letzten Minute versuchte Hitler mit Polen zu verhandeln und Großbritannien zu einer Vermittlerrolle zu bewegen, was jedoch sowohl vom polnischen Außenminister Jozef Beck als auch vom britischen Premierminister Neville Chamberlain sabotiert wurde. Das heißt also, dass Polen sehr wohl mit einem deutschen „Angriff“ rechnen musste, zumal es ja selbst am 23. März 1939 seine Truppen teilmobilisiert und Ende August eine Generalmobilmachung ausgerufen hatte.

Hatte der polnische Botschafter in Berlin die Anweisung aus Warschau erhalten, nicht auf weitere Vorschläge einzugehen? Ein Telegramm des Außenministers Beck an den Botschafter Lipski in Berlin vom 31. August enthält die Weisung: „Bitte lassen Sie sich auf keine Diskussionen zur Sache ein. Wenn die Deutschen irgendeinen konkreten Vorschlag machen, erklären Sie, dass Sie nicht ermächtigt sind, ihn entgegenzunehmen oder zu besprechen, und dass sie erst weitere Instruktionen einholen müssen.“

Die polnische Regierung unter Josef Pilsudski und die Militärs vertrauten auf ihre militärische Stärke und auf das englische (und französische) Garantieversprechen vom 31. März 1939, das im August desselben Jahres noch einmal bestätigt wurde. Interessanterweise galt dieses aber nur bei einem deutschen Angriff, nicht aber bei einem sowjetischen Angriff. So erklärten die beiden Westmächte folgerichtig zwar am 3.9.1939 dem Deutschen Reich den Krieg, nicht aber der Sowjetunion nach deren Einmarsch in Ostpolen am 17.9. Offensichtlich ging es also GB und Frankreich keineswegs um den Erhalt der Souveränität Polens, was sich auch bei Kriegsende zeigte, als Churchill ohne Weiteres bereit war, die Polen dem Einflussbereich der Sowjetunion zu überlassen und einer Westverschiebung Polens auf Kosten Deutschlands zuzustimmen.

Versagte Hilfe für Polen

Nach Beginn der Kampfhandlungen im Osten blieb trotz wiederholter Anfragen der polnischen Botschafter in London und Paris Ruhe an der Westfront. Die Botschafter bekamen nichts als leere Versprechungen zu hören. Der britische Außenminister Halifax versicherte „hoch und heilig, dass Großbritannien ab sofort einzig und allein das Ziel verfolgt, Deutschland zu besiegen“. Von Hilfe für Polen war da nicht mehr die Rede. Vielmehr wolle man seine Streitkräfte nicht verzetteln, da sie für den entscheidenden Schlag benötigt würden. Dringende Wünsche der Polen nach Kriegsmaterial, vor allem nach Flugzeugen, Maschinengewehren und Munition wurden abgelehnt mit der Begründung: „Es gibt nur einen Weg, Polen wirksam zu helfen: Krieg gegen Deutschland, bis Polen wiederhergestellt ist“, so hieß es auf der Sitzung des britischen Kriegskabinetts am 8. September. Mussten die Polen nicht das Gefühl haben, dass man sie ins offene Messer hatte laufen lassen? Wären sie möglicherweise auf das mehrfach wiederholte Angebot* von deutscher Seite eingegangen, wenn ihnen im Vorfeld bewusst gewesen wäre, dass sie nicht mit englischer und französischer Hilfe rechnen konnten? Sir Alexander Cadogan, von 1938 bis 1946 Unterstaatssekretär im Foreign Office, äußerte gegen Ende seines Lebens bei der Durchsicht seiner Tagebücher: „Natürlich konnte unsere Garantie Polen im Falle eines Angriffs keinerlei Schutz bieten … Man könnte das für zynisch halten … Vielleicht war es das auch. Aber es brachte uns in den Krieg …, und am Ende haben wir mit unseren Verbündeten den Krieg gewonnen.“

Warum griffen französische Truppen nicht gleich nach der Kriegserklärung im Westen an? Die Historiker sind sich einig darin, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt einen Zweifrontenkrieg nicht hätte gewinnen können. Dies wurde in den Verhören und Memoiren deutscher Generale nach dem Krieg deutlich. Selbst wenn es für englische Truppen einige Tage dauerte, bis sie über den Kanal gebracht werden konnten, aber Unterstützung aus der Luft wäre sehr wohl möglich gewesen. Stattdessen begnügten sich die Engländer damit, Aufklärungsflugzeuge zu schicken, die am frühen Morgen des 4. September Millionen Flugblätter entlang des Rheins zwischen Koblenz und Düsseldorf abwarfen als „Warnung Großbritanniens an das deutsche Volk“. Goebbels fand die Flugblätter so „doof“, dass er auf jede Reaktion verzichtete. Man stelle sich vor, der Krieg wäre beendet gewesen, bevor er richtig begonnen hat!

In jedem Krieg bleibt zuerst die Wahrheit auf der Strecke. Das konnte man in jüngerer Zeit auch beim Irakkrieg erleben. Man erinnere sich nur an die angeblichen Giftgasbehälter, deren Vorhandensein uns die amerikanische Administration schuldig geblieben ist.Verwundert es wirklich, dass uns in unseren Geschichtsbüchern die wichtigsten Fragen vorenthalten werden, geschweige denn versucht wird, plausible Antworten zu finden?

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* Gemeint ist das letzte Angebot (16-Punkte-Programm) Hitlers vom 30.8.1939 an Polen: Der Freistaat Danzig mit seiner mindestens 95%igen deutschen Bevölkerung sollte zum Deutschen Reich zurückkehren, eine exterritoriale Reichsautobahn und exterritoriale Eisenbahn sollte durch den Polnischen Korridorgebaut werden, um den Zugang vom Reich zu Ostpreußen zu erleichtern. Im Gegenzug sollte Polen im Danziger Gebiet ebenfalls eine exterritoriale Straße/Autobahn und Eisenbahn plus Freihafen erhalten. Darüber hinaus sollten beide Staaten die gemeinsamen Grenzen bzw. Territorien anerkennen (Garantie), Polen eine Absatzgarantie für seine Waren im Danziger Gebiet erhalten und eine Verlängerung des deutsch-polnischen Vertrages von 10 auf 25 Jahre vereinbart werden. Dieses Angebot, das weit über das hinausging, was die Weimarer Republik bereit war, Polen zuzugestehen, wurde nicht nur abgelehnt, sondern noch nicht einmal diskutiert.

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