Vorgeschichte des Zweiten Weltkrieges

Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ

„Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden hat und von den nachfolgenden Generationen auch geglaubt wird, erst dann kann die Umerziehung als erfolgreich angesehen werden.“ 
                                                         
Walter Lippmann, amerikanischer Publizist 1970

Lloyd George (britischer Premierminister von 1916 bis 1922) führte am 29. November 1934 im Unterhaus aus: „Die Signatarmächte des Vertrages von Versailles versprachen den Deutschen feierlich, man würde abrüsten, wenn Deutschland mit der Abrüstung vorangehe. Vierzehn Jahre lang hat Deutschland auf die Einhaltung dieses Versprechens gewartet. In dieser Zeit ist eine Reihe ausgesprochen friedfertiger Minister in Deutschland tätig gewesen. Minister, die nicht aufgehört haben, die großen Mächte zu beschwören, endlich mit der Einlösung des gegebenen Versprechens ernst zu machen. Man hat sich über diese deutschen Minister in einer Reihe von Pakten – darunter einer ein ausgesprochener Anti-Kriegs-Pakt – lustig gemacht. In der Zwischenzeit haben alle Länder, mit Ausnahme Englands, ihre Kriegsbewaffnungen gesteigert und sogar den Nachbarn Deutschlands Geldanleihen zugestanden, mit denen diese wiederum gewaltige Militär-Organisationen dicht an Deutschlands Grenzen aufbauten. Können wir uns denn wundern, dass die Deutschen zu guter Letzt zu einer Revolution und Revolte gegen diese chronische Betrügerei der großen Mächte getrieben wurden?“

Der Sieger schreibt die Geschichte. Im Zuge der Umerziehung ist viel Wissen verlorengegangen, was unseren Altvorderen noch zur Verfügung stand, was sie aber insbesondere ab Ende der Sechziger Jahre vielfach nicht mehr zu äußern wagten. Wie schon an anderer Stelle angesprochen ist es problematisch, die Geschichte von ihrem Ergebnis her aufzurollen. Kann man den handelnden Personen vorwerfen, die Zukunft nicht vorausgesehen zu haben? Ist es nicht legitim, im Interesse des eigenen Staates zu handeln, wenn die anderen Staaten sich nicht an Verträge halten?

Mit dieser Rede beginnt – so könnte man sagen – eine Wende in der britischen Außenpolitik gegenüber Deutschland, die zur Appeasement-Politik unter Neville Chamberlain führte, die auch von Lloyd George unterstützt wurde.

Keine Abrüstung der Siegermächte

Vergegenwärtigt man sich die außenpolitische Konstellation des Deutschen Reiches im Jahre der „Machtübernahme“ durch die Nationalsozialisten, so bleibt festzuhalten, dass der Versöhnungswille der Weimarer Regierungen zwar gewisse Früchte getragen hatte (z.B. Locarno-Vertrag 1925), aber von einer Gleichberechtigung keine Rede sein konnte. Vor allem die im Vertrag versprochene Abrüstung seitens der Siegermächte wurde nicht eingelöst, obwohl eine internationale Kommission bereits 1927 die vollständige Abrüstung Deutschlands festgestellt hatte.

Der Versailler Vertrag hatte Deutschland nur noch ein Heer von 100 000 Mann lang dienender Berufssoldaten zugestanden, zudem waren schwere Waffen, Panzer, Flugzeuge, U-Boote, Schlachtschiffe verboten. Das bedeutete faktisch ungeschützte Grenzen, zumal an allen Grenzen eine entmilitarisierte Zone von mindestens 50 Kilometern (s. KARTE) festgeschrieben war, in der auch keine Verteidigungsanlagen errichtet werden durften. Das ermöglichte 1923 die Besetzung des Reinlandes durch französische und belgische Truppen, nachdem Deutschland mit Reparationslieferungen in Verzug geraten war. In Oberschlesien bedeutete das Eindringen polnischer Truppen 1921 mit Unterstützung französischer Hilfe den Verlust des oberschlesischen Kohlereviers, trotz anderslautender Abstimmung.

Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland

Diesem Zustand offener Grenzen hat Hitler mit dem Einmarsch am 7. März 1936 von ca. 2500 Soldaten (eine wahrhaft beeindruckende Truppe!) ins entmilitarisierte Rheinland ein Ende bereitet und die Wehrhoheit über das eigene Reichsgebiet wiederhergestellt. Heutzutage haben – wie wir feststellen können – offene Grenzen einen anderen Stellenwert. Damals bedeuteten sie noch Verteidigung gegen einen äußeren Feind. Hitler hat also mit diesem Coup einen „selbstverständlichen Zustand“ wiederhergestellt.

Wiederholt vorgetragene Vorschläge der deutschen Reichsregierungen auf der Genfer Abrüstungskonferenz wurden allesamt abgelehnt: Immer wieder scheiterte Deutschland vor allem am französischen Veto. Nach weiteren abgelehnten Vorschlägen im Laufe des Jahres 1933 beschloss die Hitler-Regierung die Abrüstungsverhandlungen im Oktober zu verlassen und zeitgleich auch aus dem Völkerbund, dem „Instrument der Siegermächte“, auszutreten.

In unseren Geschichtsbüchern wird auch gerne der Zusammenhang mit Aktionen der Siegermächte „vergessen“. So ging dem deutschen „Vertragsbruch“ im Mai 1935 ein französisch-sowjetischer Militärpakt voraus, sowie die Erhöhung der Dienstzeit der französischen Wehrpflichtigen um ein Jahr und die Herabsetzung der Rekruten auf 20 Jahre. Zudem haben die Sowjetunion und die Tschechoslowakei am 16. Mai 1935 einen fast gleichlautenden Militärpakt in Prag abgeschlossen. Und hatte nicht Lazar Kaganowitsch, der Chef des Politbüros der KPdSU und Schwager Stalins, am 27.1.1934 in der Iswestija geschrieben: „Ein neuer deutsch-französischer Krieg würde den Interessen der Sowjetunion sehr entgegenkommen.“?

Angebot des Wiedereintritts in den Völkerbund

So nahm denn die Reichsregierung nach der Wiederherstellung der deutschen Souveränität Bezug auf diese Veränderungen der internationalen Lage und sandte am 7. März 1936 ein Memorandum an die Signatarmächte des Locarno-Paktes: „Sofort nach Bekanntwerden des am 2. Mai 1935 unterzeichneten Paktes zwischen Frankreich und der Sowjetunion hat die Deutsche Regierung … darauf aufmerksam gemacht, dass Frankreichs Verpflichtungen aus dem Pakt mit seinen Verpflichtungen aus dem Rheinpakt nicht vereinbar sind …  Es ist unbestritten, dass sich der französisch-sowjetische Pakt ausschließlich gegen Deutschland richtet … Nach der nunmehr erreichten endlichen Gleichberechtigung Deutschlands und der Wiedererlangung der vollen Souveränität über das gesamte Reichsgebiet ist der Hauptgrund für den seinerzeitigen Austritt aus dem Völkerbund behoben. Deutschland ist daher bereit, wieder in den Völkerbund einzutreten.“

Gleichzeitig mit der Besetzung des Rheinlandes erklärte Hitler in seiner Reichstagsrede am gleichen Tag: Er sei bereit, erneut eine entmilitarisierte Zone unter vorausgesetzter Gegenseitigkeit auf französischer und belgischer Seite einzurichten, einem französisch-belgisch-niederländisch-deutschen Nichtangriffspakt für 25 Jahre unter britisch-italienischer Garantie abzuschließen. Ablehnung auf ganzer Linie war die Antwort.

Wir sind heutzutage in Deutschland so sehr daran gewöhnt, dass unsere Regierungen nicht mehr unsere Interessen vertreten – aufgrund der Geschichte! –, dass wir übersehen, dass dies zu einer anderen Zeit noch eine Selbstverständlichkeit war, und dass die anderen Staaten dies genauso sahen. Noch einmal: Hier soll nichts beschönigt werden. Aber das deutsche Volk hat damals in seiner Mehrheit diese Politik als berechtigt angesehen und dafür Hitler zugejubelt. Das heißt aber nicht, dass es auch die Verbrechen des Regimes gutgeheißen hat.

Natürlich lässt sich im Nachhinein immer damit argumentieren, dass Hitler von Anfang an den Weltkrieg geplant habe. Schauen wir uns einen seiner Gegenspieler an: Josef Stalin. Können wir wirklich davon ausgehen, dass Stalin nichts anderes im Sinn hatte, als den „Faschismus“ zu besiegen?

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