Der Vertrag von Versailles und immer noch kein Frieden

Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ

„Der Einfalt der Gegenwart darf nicht erlaubt werden, die vergangene Vielfalt zu vergessen.“
Stefan Scheil, Mitten im Frieden überfällt uns der Feind (Landt Verlag, Berlin 2014, S. 14)

Am 1. Februar 1896 erschien in der Londoner Saturday Review, einem Blatt der englischen Oberschicht, folgender Text: „Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, so gäbe es kein englisches Geschäft noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht zuwüchse. Verschwände jeder Engländer morgen, so hätten die Deutschen den Gewinn … Einer von beiden muss das Feld räumen … Macht Euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germaniam esse delendam (Deutschland muss zerstört werden).“

Der Hintergrund dieser Kampfansage war der industrielle Erfolg des deutschen Kaiserreiches, das innerhalb weniger Jahrzehnte an Produktivität und Export England den Rang abgelaufen hatte und zweitstärkste Industriemacht der Welt nach den USA geworden war.

Diese Sachlage hat Kaiser Wilhelm II. in seinem 1922 erschienenen Buch „Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878 – 1918“ (Verlag von K.F. Koehler, Leipzig und Berlin – Originalschreibweise wird beibehalten) klar erkannt: „Die allgemeine Lage des deutschen Reiches hatte sich in der Vorkriegszeit immer glänzender und infolgedessen außenpolitisch immer schwieriger gestaltet. Ein niemals dagewesener Aufschwung in Industrie, Handel und Weltverkehr hatte Deutschland wohlhabend gemacht. Die Kurve unserer Entwicklung blieb nach oben gerichtet. Die damit verbundene friedliche Eroberung eines namhaften Teiles des Weltmarktes, auf den deutscher Fleiß und unsere Leistungen gerechten Anspruch hatten, konnte älteren Weltvölkern, vor allem England, nicht angenehm sein. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang, dem nichts verwunderliches anhaftet. Es macht niemandem Freude, wenn sich plötzlich ein Konkurrent etabliert und man zusehen muß, wie die alte Kundschaft zu ihm abwandert. Ich kann also aus der Verstimmung Englands über Deutschlands Fortschritte auf dem Weltmarkte keinen Vorwurf gegen das Britenreich konstruieren.“

Zu den Kriegsgründen Frankreichs führte Wilhelm II. aus: „In Frankreich war seit 1870/71 der Revanchegedanke sorgsam genährt worden. In der belletristischen wie in der politischen und militärischen Literatur, im Offizierskorps, in den Schulen, in Vereinigungen, in den politischen Kreisen wurde er in allen möglichen Variationen gepflegt. Ich kann diese Stimmung verstehen. Vom gesunden nationalen Standpunkt aus gesehen ist es schließlich ehrenvoller, wenn ein Volk eine erlittene Schlappe wieder gut machen will, als wenn es dies einsteckt. Elsaß-Lothringen aber ist seit vielen Jahrhunderten deutsches Land. Von Frankreich war es geraubt, wir hatten es 1871 als uns gehörig zurückgenommen.

Deshalb war ein Revanchekrieg, der die Eroberung urdeutschen Gebiets zum Ziele hatte, unrechtmäßig und unmoralisch. Ein Nachgeben unsererseits in diesem Punkte hätte unserem nationalen und rechtlichen Empfinden ins Gesicht geschlagen. Da Deutschland Elsaß-Lothringen niemals freiwillig an Frankreich zurückgeben konnte, war also der französische Revanchetraum nur durch einen siegreichen Krieg zu verwirklichen, der die französischen Grenzpfähle bis an das linke Rheinufer vorschieben sollte. Deutschland hingegen hatte keinen Anlaß, die Errungenschaften von 1870/71 aufs Spiel zu setzen, es mußte also darauf hinwirken, den Frieden mit Frankreich zu erhalten, umso mehr als die Konstellation der Mächte gegen den deutsch-österreichischen Zweibund immer deutlicher hervortrat.“

Was Russland anbelangt, so lagen nach Ansicht Wilhelms II. „die Dinge so, dass das gewaltige Zarenreich nach einem Zugang zum südlichen Meer drängte. Dieses Streben ist natürlich und nicht zu verurteilen. Ferner bestand der russisch-österreichische Gegensatz, hauptsächlich um Serbien, der insofern Deutschland mitbetraf, als Deutschland und Österreich-Ungarn im Bunde waren. Außerdem befand sich das zarische Russland in einer andauernden inneren Gärung, und jede zarische  Regierung fand es nützlich, eine Möglichkeit für äußere Konflikte bereit zu halten, um durch äußere Schwierigkeiten jederzeit von den inneren ablenken zu können, ein Ventil für den inneren Konfliktstoff zu besitzen. Es kam hinzu, dass der enorme Anleihenbedarf fast ausschließlich in Frankreich gedeckt wurde. Über 20 Milliarden französischer Goldfranken, über deren Verwendung Frankreich teilweise verfügte, wanderten nach Rußland. Es handelte sich dabei ausnahmslos um strategische und kriegsvorbereitende Maßnahmen. An der goldenen Kette der französischen Milliarden wurde das Zarenreich nicht nur finanziell an Frankreich gekettet; es wurde dem französischen Revanchegedanken dienstbar.“

Ich habe bewusst längere Passagen zitiert, weil meiner Ansicht nach Kaiser Wilhelm eine erstaunliche und wie ich finde zutreffende Analyse der damaligen Gemengelage gibt. So hatten also England, Frankreich und Russland „gute“ Gründe für einen Krieg, nicht aber Deutschland, denn dieses hatte alles zu verlieren, zumal es sich aufgrund seiner geopolitischen Lage eingekreist fühlen musste.

Bedauerlicherweise war durch den Versailler Vertrag in Artikel 231 die „Alleinschuld Deutschlands“ festgeschrieben worden, ein moralischer Vorwurf, der von den zeitgenössischen Deutschen – und zwar aller Parteien – entschieden zurückgewiesen wurde.

John Maynard Keynes, Ökonom und Mitglied der britischen Delegation bei den Friedensverhandlungen in Versailles 1919, schrieb geradezu verzweifelt in seinem Buch „Über die wirtschaftlichen Folgen des Friedensvertrages“: „Denn wenn wir bewusst auf die Verarmung Mitteleuropas hinarbeiten, dann wird – das wage ich vorherzusagen – die Rache nicht auf sich warten lassen. Nichts kann dann mehr lange den letzten Bürgerkrieg zwischen den Mächten der Reaktion und den verzweifelten Zuckungen der Revolution aufhalten, jenen Bürgerkrieg, angesichts dessen die Schrecken des Krieges mit Deutschland ein Nichts scheinen werden, jenen Krieg, der, ganz gleich wer siegt, die Zivilisation und den Fortschritt unserer Generation vernichten wird.“ Die nächste Generation musste 20 Jahre später leidvoll die Konsequenzen dieser Politik erfahren.

Die damaligen Debatten über Kriegsschuld, Kriegsursachen und Kriegsinteressen zeigen auf, wie haltlos die These von der Alleinschuld Deutschlands am Ersten Weltkrieg war.

Reichsaußenminister Graf Brockdorff-Rantzau hat am 7. Mai 1919 bei der Entgegennahme des Vertragsentwurfs noch einmal die deutsche Position gegenüber den Entente-Mächten verteidigt: „Es wird von uns verlangt, daß wir uns als die allein Schuldigen am Kriege bekennen. Ein solches Bekenntnis wäre in meinem Munde eine Lüge. Wir sind fern davon, jede Verantwortung dafür, daß es zu diesem Weltkriege kam, und daß er so geführt wurde, von Deutschland abzuwälzen. Die Haltung der früheren deutschen Regierung auf der Haager Friedenskonferenz, ihre Handlungen und Unterlassungen in den tragischen zwölf Julitagen mögen zu dem Unheil beigetragen haben, aber wir bestreiten nachdrücklich, daß Deutschland, dessen Volk überzeugt war, einen Verteidigungskrieg zu führen, allein mit der Schuld belastet ist.“

Brockdorff-Rantzau spricht den „Imperialismus aller europäischen Staaten“ an, der „die internationale Lage chronisch vergiftet“ habe: Die Politik der Vergeltung wie die Politik der Expansion und die Nichtachtung des Selbstbestimmungsrechtes der Völker hat zu der Krankheit Europas beigetragen, die im Weltkrieg ihre Krisis erlebte. Die russische Mobilmachung nahm den Staatsmännern die Möglichkeit der Heilung und gab die Entscheidung in die Hand der militärischen Gewalten.“

Für den US-Senator Robert Latham Owen ist die russische Mobilmachung ebenfalls der entscheidende und auslösende Faktor für diesen Krieg. In einer aufsehenerregenden Rede im Dezember 1923 im amerikanischen Senat zweifelte Owen die deutsche Kriegsschuld öffentlich an und sah die Verantwortung stattdessen bei Frankreich und Russland. Aber erst 1927 entschloss er sich zu einer Veröffentlichung seiner Recherchen in Europa: Seit 1892, seit dem französisch-russischen Vertrag über einen möglichen Angriff auf Deutschland, habe Russland dieses Ziel im Auge gehabt. Dass Zar Alexander III. bei Vertragsabschluss als Ziel ausdrücklich genannt hat, Deutschland zu „vernichten“ und wieder in Kleinstaaten aufzuteilen, war Owen noch nicht einmal bekannt.

Der französisch-russische Geheimvertrag von 1892-94 wurde vom russischen Außenminister und dem Präsidenten der französischen Republik ausgehandelt und abgeschlossen. Zur Umschreibung der sofortigen Attacke auf Deutschland für den Fall einer Mobilmachung Deutschlands oder Österreichs, wie sie in diesem Geheimvertrag vereinbart wurde, wählte General de Boisdeffre die Worte: „Mobilmachung ist Krieg“. Alexander III. antwortete: „So verstehe ich das auch.“

In den Jahren zwischen 1911 und 1913 fanden aufgrund des Vertrages etliche Treffen zwischen den russischen und französischen Generalstäben statt, wobei die beiden Generalstabschefs übereinstimmend erklärten, dass der Begriff „Verteidigungskrieg“ nicht in dem Sinn interpretiert werden dürfe, dass es sich um einen rein defensiv zu führenden Krieg handele. Sie bekräftigten im Gegenteil die absolute Notwendigkeit einer entschlossenen und so gleichzeitig wie möglich auszuführenden Offensive der russischen und französischen Streitkräfte (in: Scheil, Mitten im Frieden, S. 126).

Auch der französische Historiker Georges Demartial hat anhand des Gelbbuchs der französischen Regierung die zentrale Frage, wer zuerst seine Truppen mobilisiert habe, klar herausgearbeitet. Er stellt den Verantwortlichen der französischen Politik, Raymond Poincaré (abwechselnd als Ministerpräsident und Staatspräsident) und dem Ministerpräsidenten René Viviani ein verheerendes Zeugnis aus und überführt sie der vorsätzlichen Fälschung der Dokumente, um eine deutsche Kriegsschuld nachzuweisen. (in: Scheil, id., S.  171ff.). So sei auch der Versailler Vertrag nur aufgrund dieser Kriegslügen erklärlich.

Und welche Rolle spielte England? Außenminister Edward Grey hatte seit 1905 das geheime Bündnis mit Frankreich und Russland geschmiedet, ohne dass das Kabinett und das Parlament darüber informiert worden wären. Trotz mehrfacher Nachfragen hat er immer wieder ein solches geheimes Bündnis geleugnet. Und 1914, in den ersten Augusttagen, hat er mit seinen Ausflüchten und seiner Hinhaltetaktik gegenüber der deutschen Reichsregierung diese ins offene Messer laufen lassen.

Dass Eckart Conze in seinem neuesten Buch „Die Große Illusion – Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt“ (Siedler Verlag 2018) die Bedeutung des Versailler Vertrages für Deutschland herunterspielt und sich dem Erbe Fritz Fischers (Der Griff nach der Weltmacht – „Fischerkontroverse“ ab 1960) verpflichtet fühlt, ist erstaunlich. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass – wie es Karlheinz Weissmann in seiner Rezension (JF Nr.13/19 vom 22. März 2019) schreibt – im Zentrum des Buches „die Bekämpfung ideologischer Gegner steht, jener nämlich, die ‚ein neues deutsches Selbstbewusstsein und Bekenntnisse zu einer stärker von Eigeninteressen geleiteten Nationalstaatlichkeit‘ mit einer neuen Sicht auf die deutsche Vergangenheit verknüpfen wollen.“

Und eine Bemerkung sei mir zum Schluss noch erlaubt: Was berechtigt eigentlich zu der Annahme, im Zweiten Weltkrieg sei nicht genauso viel getäuscht und gefälscht worden wie im Ersten Weltkrieg? Schließlich befand sich ein Großteil der deutschen Akten zum Krieg und der Vorkriegszeit – zum Teil über Jahrzehnte – in den Händen der Siegermächte. Und halten diese ihre eigenen Akten nicht teilweise noch immer unter Verschluss?

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