Symbolik in der Politik – Bilder sagen mehr als Worte

Es ist interessant, welche Bedeutung Symbole in der Politik haben. Insbesondere im Vergleich wird deutlich, welche Aussagekraft Bilder von historischen oder aktuellen Ereignissen haben können und was sie möglicherweise in den Köpfen bewirken. Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ.

Fangen wir mit einem Beispiel jüngeren Datums an. Noch im März 2010 waren bei einem Treffen der Bundeskanzlerin mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan in Istanbul im Hintergrund sowohl die deutsche als auch die türkische Fahne aufgestellt.

Ab Mai 2016 stehen grundsätzlich zwei türkische Fahnen hinter den Gesprächspartnern, obwohl dies nicht den internationalen Gepflogenheiten entspricht. Daraus lässt sich eindeutig das gestärkte Selbstbewusstsein des türkischen Präsidenten ablesen, der Angela Merkel sozusagen am Nasenring durch die Manege zieht.

Zur Ergänzung dieser Feststellung hier noch zwei weitere Fotos vom welthumanitären Gipfel im Januar /Februar 2017. Da können auch die kleinen Fähnchen auf dem Beistelltisch nicht darüber hinwegtäuschen. Und natürlich – wie nicht anders zu erwarten – gab es von deutscher Seite keinen Aufschrei über dieses ungebührliche Benehmen.

Auch der Anspruch von Herrn Erdogan, auf deutschem Boden Wahlkampf machen zu wollen, zeigt deutlich, was er von der deutschen Regierung hält. Dass Herr Erdogan feine Unterschiede macht, je nachdem, wer sein Gast ist, zeigt das Foto vor gleicher Kulisse, aber dieses Mal mit Wladimir Putin.

Ein historisches Beispiel von Symbolpolitik

Am 18. Januar 1871 wurde im Spiegelsaal von Versailles das Deutsche Kaiserreich proklamiert. Dieser Ort war das Zentrum des französischen Absolutismus, und der Bauherr Ludwig XIV. hatte mit seinen „Raubkriegen„, wie Historiker des 19. Jahrhunderts sagten, mehrmals deutsche Länder wie die Pfalz verheert. Dabei wurde auch das Heidelberger Schloss von den Soldaten Melacs zerstört. Weite Teile des Elsass wurden 1648 französisch, und 1681 nahm der Sonnenkönig noch die freie Reichsstadt Straßburg ein.

Das Bild von Anton von Werner zeigt die Zeremonie, in der Bismarck als Schöpfer dieser Reichsgründung durch eine weiße Uniform – die er in Wirklichkeit nicht trug – hervorgehoben wird. Der Großherzog Friedrich von Baden brachte den Ruf aus: „Seine kaiserliche und königliche Majestät, Kaiser Wilhelm, lebe hoch!“ und umging so die strittige Frage nach der Bezeichnung des Kaisers als „deutscher Kaiser“ oder „Kaiser von Deutschland“. Die Reichsgründung „von oben“ – im Gegensatz zu dem Versuch von 1848 – war im Kalkül Bismarcks schon seit längerem vorgesehen, scheiterte aber an dem Widerstand Frankreichs. So bot der preußisch-deutsche Sieg über Frankreich 1870 die Gelegenheit dazu. Außerdem wurde Elsass-Lothringen „zurückgewonnen“.

Übrigens wird vielfach fälschlicherweise – wie auch 1939 – behauptet, Preußen-Deutschland habe Frankreich den Krieg erklärt. Es war aber Napoleon III., der Preußen den Krieg erklärte.

Vorausgegangen war die von Bismarck unterstützte Kandidatur von Prinz Leopold aus dem Hause Hohenzollern-Sigmaringen – einer süddeutsch-katholischen Nebenlinie der Hohenzollern – auf den vakanten spanischen Thron. Die französische Diplomatie versuchte mit allen Mitteln, diese Kandidatur zu verhindern. Und obwohl das Haus Sigmaringen sowie König Wilhelm einen Verzicht bekundet hatten, verlangte die französische Regierung eine bindende Erklärung, auch in Zukunft keine Kandidatur mehr zuzulassen. Trotz der Ablehnung des Kandidaten sprach der französische Botschafter den preußischen König bei seiner Kur in Bad Ems nochmals daraufhin an. Wilhelm unterrichtete Bismarck über diese Vorgänge, woraufhin Bismarck den königlichen Bericht in verkürzter Form veröffentlichte: die berühmte „Emser Depesche“.  Frankreich erklärte daraufhin den Krieg.

Natürlich bedeutete die Proklamation des Deutschen Kaiserreichs an einem Ort, der für Frankreichs Größe stand, eine Demütigung. Und so ist es auch kein Wunder, dass Frankreich daran lag, diese Schmach durch einen symbolischen Akt auszugleichen. Die Verhandlungen der Siegermächte, bei denen die deutsche Delegation nicht zugelassen war, fanden im Versailler Schloss statt, und die Unterzeichnung des „Friedensdiktates“ erfolgte am 28. Juni 1919 im Spiegelsaal. Die deutsche Delegation konnte erst am Schluss durch schriftliche Eingaben wenige Nachbesserungen des Vertragsinhaltes erwirken. Durch den Versailler Vertrag wurde die alleinige Verantwortung Deutschlands und seiner Verbündeten für den Ausbruch des Weltkriegs festgeschrieben, und es wurde zu Gebietsabtretungen, Abrüstung und Reparationszahlungen an die Siegermächte verpflichtet. Nach der Ratifizierung und dem Austausch der Urkunden trat er am 10. Januar 1920 in Kraft. Wegen seiner hart erscheinenden Bedingungen und der Art seines Zustandekommens wurde der Vertrag von der Mehrheit der Deutschen als illegitimes und demütigendes Diktat empfunden.

Orlando (I) – Wilson (USA) – Clemenceau (F) – Llyod George (GB)
Davor: Außenminister Hermann Müller (SPD) und Verkehrsminister Johannes Bell (Zentrum)

Zweites historisches Beispiel 

Es gibt ein weiteres historisches Beispiel, wie derselbe Ort mit einer veränderten Zusammensetzung seine Symbolkraft entfaltet.  Am 11. November 1918 wurde der Waffenstillstand zwischen den Entente-Mächten und den Abgesandten der neuen Provisorischen Regierung (zwei Tage zuvor war die Republik ausgerufen worden) in einem Eisenbahnwaggon im Wald von Compiègne unterzeichnet.

Die Verhandlungsführer auf französischer Seite waren Marschall Ferdinand Foch (stehend), und neben ihm General Maxime Weygand, die brit. Admiräle Rosslyn Wemyss und George Hope. Davor stehend der deutsche Delegationsleiter Matthias Erzberger und Alfred von Oberndorff (beide in Zivil). Insgesamt war der Empfang frostig und demütigend für die deutschen Unterzeichner.

Deutschland hatte im Vertrauen auf die alliierten Versprechungen (Wilsons 14 Punkte) und um den sinnlosen Krieg zu beenden, um einen Waffenstillstand gebeten. Seine Truppen standen zu diesem Zeitpunkt noch weit in Feindesland. Obwohl die deutsche Waffenstillstandskommission auf Druck der Entente nahezu vollständig auf die Bedingungen der Sieger eingehen musste, wurde die Fortdauer der britischen Blockade gegen die deutsche Zivilbevölkerung als Vertragspunkt festgeschrieben. Die Blockade wurde erst im Sommer 1919 nach Unterzeichnung des Versailler Vertrages aufgehoben.

Am 21. Juni 1940 fand in eben diesem Waggon, den Hitler aus dem Museum hatte holen lassen, ein Waffenstillstand statt. Frankreich befand sich militärisch in aussichtsloser Lage und war schon in großen Teilen besetzt. Hitler selbst hat die Franzosen empfangen und in den Speisewagen gebeten. Beim Eintreten der Franzosen erhoben sich alle Anwesenden und grüßten. General Keitel verlas eine Erklärung und sagte unter anderem: „Wenn zur Entgegenahme der Bedingungen der historische Wald von Compiègne bestimmt wurde, dann geschah es, um durch diesen Akt einer wiedergutzumachenden Gerechtigkeit – einmal für immer – eine Erinnerung zu löschen, die für ganz Frankreich kein Ruhmesblatt der Geschichte war, vom deutschen Volk aber als tiefste Schande aller Zeiten empfunden wurde. Frankreich ist nach einem heroischen Widerstand in einer blutigen Schlachtenfolge besiegt worden und zusammengebrochen. Deutschland beabsichtigt daher nicht, den Waffenstillstandsbedingungen oder -verhandlungen die Charakterzüge von Schmähungen gegenüber einem so tapferen Gegner zu geben. Der Zweck der deutschen Forderungen ist es, erstens eine Wiederaufnahme des Kampfes zu verhindern, zweitens Deutschland alle Sicherheiten zu bieten für die ihm aufgezwungene Weiterführung des Kampfes gegen England und drittens die Voraussetzungen zu schaffen für die Gestaltung eines neuen Friedens.“

Die Symbolträchtigkeit mancher Orte konnte – wie ich denke – an den letzten beiden Beispielen verdeutlicht werden.

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