Polen – Opfer und Täter gleichermaßen

Vᴏɴ Gᴀʙʀɪᴇʟᴇ Iᴘsᴇɴ

Wir haben keine (Grenzbefestigungen), denn wir beabsichtigen, einen Bewegungskrieg zu führen und von Beginn der Operation an in Deutschland einzumarschieren.“
Der polnische Kriegsminister Tadeusz Kaprzycki auf der Generalstabsbesprechung in Paris am 18. Mai 1933

Im September 2017 wurden zum wiederholten Male Forderungen Polens nach Reparationen für die im Zweiten Weltkrieg erlittenen Schäden erhoben. Es ist nicht auszuschließen, dass in diesem Jahr, 80 Jahre nach dem Angriff deutscher Truppen auf Polen, diese Forderung erneut aufgegriffen wird, obwohl Polen bereits dreimal auf Reparationen verzichtet hat: 1953, 1970 mit dem Warschauer Vertrag und 1990 mit dem Zwei-plus-Vier-Vertrag. Im Raum steht eine Summe von 750 Milliarden Euro, dem doppelten Volumen des Bundeshaushalts von 2018.

Unstrittig ist, dass Polen durch den Angriff der Wehrmacht und die Besetzung des „westlichen“ Teils des Landes erhebliche Schäden erlitten hat, dass Hunderttausende zu Zwangsarbeit verpflichtet wurden. Unstrittig ist aber auch, dass Polen mit der Besetzung und Einverleibung großer deutscher Gebiete mit allen darauf befindlichen Gütern, die die geflohenen und vertriebenen Deutschen hinterlassen mussten, einen nicht unerheblichen Ersatz erhalten hat. Nicht zu vergessen deutsches Kulturgut, in Form von Kunstwerken, Schriften usw., die der Rückgabe noch immer entzogen werden, während umgekehrt polnische Kulturgüter zurückerstattet wurden und werden.

Der von Polens nationalkonservativer Regierungspartei Recht und Gerechtigkeit (PiS) eingesetzte Parlamentsausschuss hatte den Auftrag bekommen, die staatlichen Archive zu durchforsten und die Höhe der polnischen Reparationsforderungen an Deutschland zu bestimmen. Das Ergebnis dieser „Recherche“: Es existiere kein Schriftstück, das einen Verzicht Polens oder der Volksrepublik Polen auf Reparationszahlungen rechtsverbindlich belege, erklärte der Chef des parlamentarischen Reparationsausschusses, Arkadiusz Mularczyk.

Polen stellt sich gern als Opfer dar. Für das 18. Jahrhundert, als Polen 1772, 1793 und 1795 zwischen Russland, Preußen und Österreich aufgeteilt wurde, trifft dies sicherlich zu. Im 20. Jahrhundert, nach der Wiedererrichtung des polnischen Staates am 11. November 1918, war es allerdings zunächst einmal „Täter“.

Dazu ein kleiner Überblick. Polen erhob unmittelbar nach seiner „Wiederauferstehung“ den Anspruch, auch über andere Völker und Ethnien herrschen zu können, und dies im Widerspruch zu dem vom amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson im Januar 1918 proklamierten „Selbstbestimmungsrechts der Völker“.  Insofern stellte der neu gegründete Staat Polen einen Anachronismus dar.  Bereits im März 1919 begann Polen, mit dem Angriff auf Russland das alte „große Polen“ in den Grenzen des 16. Jahrhunderts wiederherzustellen.

Der eben erst gegründete Staat konnte den Überfall auf seinen östlichen Nachbarn nur dank der Versorgung der gesamten polnischen Armee durch die Amerikaner durchführen. Diese haben die Truppen voll eingekleidet und ernährt. In sechs Monaten des Jahres 1919 lieferte die USA den Polen tausend Tonnen Lebensmittel für die damals gewaltige Summe von 51 Mio. Dollar, darüber hinaus eine beeindruckende Menge an militärischer Ausrüstung. Nach wechselseitigem Kriegsglück erhielt Polen am 18. März 1921 mit der Unterzeichnung des Friedensvertrages von Riga Teile der Westukraine und Weißrusslands. Somit hatten polnische Nationalisten, die seit Jahrhunderten von einem Polen „von Meer zu Meer“ (Polska od morza do morza), d.h. von der Ostsee bis zum Schwarzen Meer, träumten, ihre Ziele nicht vollständig erreicht.

Die „Entgermanisierung“ in den Polen im Versailler Vertrag zugesprochenen deutschen Ostgebieten könnte man als Reaktion auf den Versuch der „Entpolonisierung“ im Kaiserreich ab 1880 noch entschuldigen, nicht aber die dazu angewendeten Mittel: Vertreibungspolitik durch Entziehen der Existenzgrundlage, Enteignung deutschen Besitzes, Entlassung deutscher Arbeiter und Angestellter, Schließung deutscher Schulen usw. In der Zwischenkriegszeit mussten 1,5 Millionen Deutsche ihre angestammte Heimat verlassen.

Bei der nach dem Versailler Vertrag durchgeführten Volksbefragung vom 20. März 1921 stimmten 59,6 % der Wähler für den Verbleib von Oberschlesien im Deutschen Reich. Die Polen, die dieses Ergebnis nicht anerkennen wollten, organisierten am 3. Mai 1921 einen Aufstand mit Unterstützung ihrer Armee. England, Frankeich und die USA unterstützten sie. Dies führte dazu, dass auf der Botschafterkonferenz vom 20. Oktober 1921 die Ergebnisse des Referendums nicht anerkannt wurden und 30 % des oberschlesischen Territoriums mit 95% aller Kohlevorräte den Polen übereignet wurden.

In einer Denkschrift des polnischen Außenministeriums von 1931 war die Oder-Neiße-Grenze als Ziel der polnischen Expansion nach Westen genannt, also die Gebiete, die dann 1945 Polen zugesprochen wurden. Daneben existierten noch viel weitergehende Forderungen, die die Verlegung der deutschen Hauptstadt nach Frankfurt am Main beinhalteten, „weil Berlin auf slawischem Boden“ liege.

Das „friedliebende“ Polen  hat nach der spöttischen Aussage von Robert Vansittart, Amtschef des britischen Foreign Office der Vorkriegszeit, „zweimal im Jahr“ in London und Paris wissen lassen, dass es bereit sei, militärisch sowohl gegen die Weimarer Republik als auch das frühe Dritte Reich vorzugehen. Bis 1939 wurde dieses Ansinnen immer zurückgewiesen.

1938 gelang es Polen, den zwei Jahrzehnte dauernden Konflikt mit Litauen um das von beiden Seiten beanspruchte Wilna (heute Vilnius) zu seinen Gunsten zu entscheiden.

Ebenfalls im Jahre 1938 hatte man in Polen keine Hemmungen, sich im Zusammenhang mit dem Zerfall der Tschechoslowakei nach dem Münchner Abkommen, sich das Teschener Gebietes einzuverleiben. Ein Vorgehen, das von Hitler sogar unterstützt wurde. Andererseits änderte diese deutsch-polnische „Zusammenarbeit“ nichts an der grundsätzlichen Haltung Polens und seiner außenpolitischen Leitung. Als Deutschland im Oktober 1938 versuchte – siehe auch die Angebote an Polen –, mit Polen einen längerfristigen Vertrag als Bündnispartner abzuschließen, und als Preis die von allen deutschen Regierungen seit 1919 verweigerte Anerkennung der polnischen Grenze anbot, lehnte Warschau ab.

1939 bereitete sich die polnische Führung darauf vor, deutsches Territorium zu überfallen und zu besetzen und nicht die Verteidigung ihres Landes zu organisieren.

In Reaktion auf die polnische Teilmobilmachung vom 23. März 1939 und Chamberlains Garantieerklärung für Polen zwei Tage später kündigte Hitler am 28. April 1939 sowohl den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt von 1934 als auch das Flottenabkommen mit Großbritannien von 1935. Zuvor, am 3. April 1939, hatte Hitler den Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, Generaloberst Keitel, bereits angewiesen, den Angriff gegen Polen so vorzubereiten, dass er ab 1. September möglich ist: „Das deutsche Verhältnis zu Polen bleibt weiterhin von dem Grundsatz bestimmt, Störungen zu vermeiden. Sollte Polen seine bisher auf dem gleichen Grundsatz beruhende Politik gegenüber Deutschland umstellen und eine das Reich bedrohende Haltung einnehmen, so kann eine endgültige Abrechnung erforderlich werden.“

So bleibt wohl das Fazit von Stefan Scheil in seinem Büchlein „Polen 1939 – Kriegskalkül, Vorbereitung, Vollzug“ „Das selbst geschaffene Dilemma des Imperialen Anspruchs trug entscheidend zum eigenen Untergang bei.“

Um es ganz deutlich zu sagen, hier geht es nicht um revisionistische Forderungen gegenüber Polen. Es sollte nur aufgezeigt werden, dass „die Polen“ keineswegs immer nur Opfer der Geschichte waren und dass sie gut daran täten, für eine endgültige Befriedung zwischen Deutschen und Polen nicht nach 80 Jahren noch Unsummen einzufordern. Auch dieses Beispiel zeigt, wie wichtig genaue Geschichtskenntnisse sind, um unberechtigten finanziellen Forderungen, die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg erhoben werden, entgegenzutreten bzw. entgegentreten zu können.

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