History repeating

Ist Schulstreik für das Klima und Hüpfen gegen Kohle doof? Nicht unbedingt. Vᴏɴ Mɪᴄʜᴀᴇʟ Mɪʟsᴄʜ.

Als ich anfangs der 80er Jahre aufs Gymnasium kam, fand ich mich mit einem Mal mittendrin in einer politisierten Jugend. Was auf der Grundschule kein Thema war, erlebte man nun täglich im Kontakt mit älteren Mitschülern und politisch aktiven Lehrern. Der NATO-Doppelbeschluss und die Rüstungsdebatte einerseits, saurer Regen und Waldsterben andererseits wurden damals fast zeitgleich zu den dominierenden Themen. Aus Friedensbewegung und Greenpeace entstand eine neue Partei: die Grünen.

Die meisten der damals politisch eingestellten Schüler zogen mit, nach heutiger Lesart hätte man sie als „linksgrün“ charakterisiert. Ihre Haltung signalisierten sie mit Taschen, auf denen „Jute statt Plastik“ zu lesen war, mit „Atomkraft – Nein Danke“-Buttons und Friedenstaube-Aufklebern. Nach ihrer Überzeugung standen der finale Exitus des Waldes ebenso unmittelbar bevor wie der finale Exitus der Menschheit mittels des Dritten Weltkriegs – wenn nicht jetzt, sofort und radikal gegengesteuert würde. Wir, die wir diesen Ansichten eher skeptisch gegenüberstanden, bildeten schon damals die trotzige, konservative Minderheit.

Wie sich die Bilder gleichen

Déjà Vu. Wenn ich heute die Schulstreiks für das Klima sehe, die „Fridays for Future“, erinnert mich vieles an damals. Der Alarmismus ist der gleiche: jetzt, sofort und radikal muss eingegriffen werden. Weg mit der Kohle, weg mit Diesel und Benzinern, das Ende ist nah! Die Naivität und Radikalität sind ebenfalls gleich. Und die Strippenzieher, die diese sicherlich keineswegs „einfach so“ entstandene Jugendbewegung für ihre politische Agenda nutzen, sind auch die gleichen: die Grünen.

Schulstreik für das Klima (Quelle: youtube)

Grundsätzlich war und ist es lobenswert, dass sich Jugendliche politisch engagieren. Und dass sie dies friedlich tun, auch wenn manche das Hüpfen gegen Kohle lächerlich finden. In einem Land, in dem junge Menschen nichts anderes erfahren haben als das komatöse Einlullen von Merkel und ihrer Sozialgrün Christlichen Einheitspartei, ist das eine gute Sache. Das kann man auch dann so sehen, wenn man die Positionen grundfalsch findet. Die Jugend wagt Meinung, und Goethe sagte: „Es ist mit Meinungen, die man wagt, wie mit Steinen, die man voran im Brette bewegt. Sie können geschlagen werden, aber sie haben ein Spiel eingeleitet, das gewonnen wird.“

Der Hinweis, die Jugendlichen sollten lieber zur Schule gehen und dort Physik und Mathematik studieren, um etwas Produktives zur Lösung von Umweltproblemen leisten zu können, ist nicht verkehrt, aber geht ein wenig fehl. Schließlich sind sie an 4 von 5 Wochentagen anwesend. Hier haben die Lehrer viel Zeit und alle Möglichkeit, Bildung und das Rüstzeug für eine differenzierte Sichtweise zu vermitteln. Und bei den Streikenden werden sich genügend kluge Köpfe finden, die es nicht bei plumpem Hüpfprotest belassen, sondern lernen und sich weiterentwickeln.

Die ergrauten Revoluzzer stellen ihre eigene Jugend nach

Der Bildungsauftrag der Lehrerschaft ist also entscheidend. Es steht aber zu befürchten – und genauso war es zu unserer Zeit – dass die Lehrer selbst sich lieber mit den plakativen Positionen solidarisieren. Schließlich sind meine linksgrünen Mitschüler von damals die linksgrünen Lehrer von heute. Auch, wenn viele inzwischen abgrundtief spießig geworden sind und selbstgerecht im Establishment mitfahren – Modell Joschka oder Winfried sozusagen – haben die meisten ihre ursprünglichen Wurzeln nicht aufgegeben. Und wer nicht in den Klassenzimmern hockt, sitzt in den Redaktionsstuben. Dort greift man den Schulstreikenden liebevoll und sorgsam unter die Arme: Die taz schreibt die Handreichung für die erfolgreiche Klimarebellion, bento – die “Bravo” für den bunt-toleranten Twen – erteilt die Absolution für’s Schuleschwänzen.

Greta Thunberg, die hochgehypte Identifikationsfigur der Bewegung, ruft zum Regelbruch und zur Rebellion auf. Tatsächlich aber ist das Rebellionspotential dürftig, denn wie wir eben an Lehrern, Journalisten und Politikern sehen, ist Klima-Alarmismus ist inzwischen im politischen und gesellschaftlichen Mainstream angekommen. Trotzdem bleiben die Freitags-Revoluzzer vorsichtig und beschäftigen sich auf ihrer Webseite ausführlich mit Fragen, wie sie bei Aktionen versichert sind und welche disziplinarischen Konsequenzen ein Schulstreik haben könnte. Ohne das Engagement zu schmälern: Das ist allenfalls Schmalspur-Rebellion, das ist fast schon wieder „playing by the rules“.

Klimawandel als neue Endzeitvision

Da wir nun schon so zahlreiche Parallelen und Verbindungen zwischen dem grünen Aufbruch der 80er und der heutigen Klimabewegung gefunden haben, ist es abschließend durchaus spannend (und entspannend), zu schauen, wie das Ganze seinerzeit weiterging.

Der Wald stirbt nicht mehr…

Nun: Der 3. Weltkrieg blieb trotz Umsetzung des Doppelbeschlusses aus, wenig später begann der Zerfall der Sowjetunion und die Abrüstung. Und der Wald? Er stirbt nicht mehr, wie die grüne Umweltministerin Renate Künast 2003 ganz offiziell verkündete. Der Weltuntergang fand nicht statt, was 1990 fast das Ende der Grünen im Bundestag bedeutet hätte. Aber inzwischen haben sie ja mit dem Klimawandel eine neue Endzeitvision, die sie sorgsam pflegen und befeuern. Den Soundtrack dazu liefert Shirley Bassey: It’s all just a little bit of history repeating…

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