Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte

Nazi-Schlampe herzt Lobbyjuden.“ So hätten einige wohl gern ein Foto kommentiert, das Alice Weidel zeigt, wie sie Henryk Broder umarmt. Mögen, um Karl Valentin zu bemühen, hätte mancher schon wollen, aber dürfen hat sich keiner getraut. Vᴏɴ Mɪᴄʜᴀᴇʟ Mɪʟsᴄʜ.

Als der jüdische Publizist Henryk Broder am 29.01. zu Gast bei der Bundestagsfraktion der AfD war, entstand im Vorfeld ein Foto, auf dem die Vorsitzende Alice Weidel ihren Gast herzlich umarmt. Das Bild verbreitete sich rasch im Netz, noch bevor Broder ein einziges Wort zur AfD gesprochen hatte. Was er zu sagen hatte, geriet dann fast zur Nebensache (seine Rede ist hier nachzulesen oder anzusehen).

Weidel knuddelt Broder (Quelle: Twitter)

Wusste Broder etwa nicht, dass genau das passieren würde? Natürlich wusste er es. Es war ihm klar in dem Moment, als der Auslöser klickte, und er ließ es clever geschehen. In seiner Rede sagte er später, ihm sei bewusst, dass er instrumentalisiert werde: „Und wissen Sie was? Es ist mir wurscht. (..) Sie instrumentalisieren mich, und ich instrumentalisiere Sie. Ich probiere aus, wie weit ich gehen kann.“ Besagtes Bild gehört zur Dramaturgie: Wahrscheinlich nicht geplant, aber auch nicht ungelegen.

Und die Geköderten gingen reihenweise in die Falle. Zuvorderst die Haltungsjournalisten, die eine eklige Nähe zwischen Presse und Politik ausgemacht haben wollten. Holger Stark von der ZEIT empörte sich heftig: „Ich kann mich an kein Foto eines Journalisten erinnern, für das ich mich mehr geschämt hätte.“

Moralisches Kontaktverbot: Als Journalist oder als Jude?

Da stimmt entweder die Erinnerungskultur oder der Kompass nicht. Das Magazin publico hat ein paar Bilder zusammengestellt, bei denen Scham auch für Herrn Stark im Bereich des Möglichen liegt. So etwa die stürmische Umarmung von Ulrich Jörges (STERN) mit Claudia Roth, gefühlt kurz vorm Austausch intimer Zärtlichkeiten fotografiert. Auch Bilder von Claas Relotius mit dem Reporterpreis erscheinen geeignet. Highlight des Fremdschämens dürfte aber Udo von Kampens Geburtstagsständchen für die Kanzlerin sein, mit dem sich der ZDF-Mann tief ins Herz und womöglich noch tiefer in andere Körperteile der Regierungschefin singen wollte. Überhaupt ist es mit der Distanz zwischen Politik und Journalismus nicht so weit her, wie Journalisten gern behaupten. Kann man bei Bedarf hier nachlesen.

Warum ist nun ausgerechnet Broder Objekt der Empörung? Vermutlich hat es weniger mit der Kombination Politik/Journalismus, sondern mit der Kombination AfD/Jude zu tun. Die implizite Erwartungshaltung scheint zu sein, dass Juden gefälligst aus ihrer Geschichte gelernt haben sollen, von allem Abstand zu nehmen, was andere – die es in ihrem missionarischen Erziehungsdrang besser wissen wollen – als „rechts“ einsortieren. Was für eine Undankbarkeit, mit der bösen AfD zu sprechen, wo sich doch aufrechte Demokraten ständig so um die Juden bemühen, vom Stolperstein bis zur Gedenkveranstaltung.

Da schwingt dann schon ein latenter, moderner Antisemitismus mit, den Broder selbst 2008 bei einer Anhörung im Bundestag so beschrieb (ab 5:10): „Der moderne Antisemit hat keine Glatze, dafür Manieren. Oft auch einen akademischen Titel. Er trauert um die Juden, die im Holocaust ums Leben gekommen sind, stellt aber zugleich die Frage, warum die Überlebenden und ihre Nachkommen aus der Geschichte nichts gelernt haben.“ Letzteres bezieht sich auf die Politik Israels gegenüber den Palästinensern, die verwandte Geisteshaltung kann man aber kaum bestreiten.

In diesen Rahmen passt auch Markus Decker, der auf Twitter daran erinnerte, Broder sei „mit dem Satz seiner Eltern großgeworden: Wir haben für dich das KZ überlebt.“ Und nun liege dieser undankbare Kerl, so das unverhohlene Narrativ, „in den Armen einer Partei, die das Holocaust-Mahnmal als Mahnmal der Schande bezeichnet.“ Der so Gescholtene nennt Decker schlicht einen „Schmieranten“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Die Politik hört weg oder pickt sich das Passende raus

Die Resonanz aus den Reihen der Politik blieb hingegen dürftig. Überliefert sind hauptsächlich Äußerungen der drei humorlosen Spezialdemokraten Kahrs, Stegner und Lauterbach (hier zusammengefasst), allesamt in ihrer eigenen Partei vermutlich noch unbeliebter als Thilo Sarrazin und für ernsthafte Debatten generell zu vernachlässigen. FDP-Mann Stefan Scharf konnte einem hingegen leidtun. Sein Tweet über den „Hofjuden mit neuer Dienstherrin“ war unverschämt, hatte aber durch die rhetorische Anlehnung an einen Cicero-Titel zumindest einen gewissen Grips, der vielleicht sogar dem selbsternannten „Lobbyjuden“ Broder ein Schmunzeln abgerungen hätte.

Schade, dass der Politik nicht viel mehr einfiel, denn Broders Rede enthielt durchaus Hörens- und Bedenkenswertes. Und zwar sowohl an alle Parteien als auch speziell an die AfD gerichtet. Etwa die Frage, ob der Dissens für eine Demokratie nicht wichtiger sei als der Konsens. Und die Thematisierung, wie falsch verstandene Toleranz in Selbstverleugnung umschlägt. Oder den Blick auf das Dilemma der AfD, dass einige wenige Exponenten und Aussagen deren gesamte Glaubwürdigkeit und Wählbarkeit untergraben können: „Für politische Parteien gilt das Gleiche wie für guten Wein. Ein Tropfen Buttersäure verdirbt den Geschmack der ganzen Flasche.“

Doch all das ging weitgehend unter. Stattdessen echauffierte man sich über Broders „Klimaleugnung“ und seine blasphemische Kritik am neuen Plastic Jesus der Klima-Alarmisten, Greta Thunberg. Lob gab es dagegen für die bierenst rezipierte Bezeichnung der AfD als „Nazis, Neo-Nazis, Krypto-Nazis und Para-Nazis“, deren Sarkasmus vielleicht eher entdeckt worden wäre, wenn Broder noch Pseudo-, Fantasy- und said-to-be-Nazis ergänzt hätte. Und schließlich fand auch die Missbilligung von Gaulands Vogelschiss-Zitat gewissen Anklang.

Man blieb also mehrheitlich an der Oberfläche und beließ es beim selektiven Zuhören oder konsequenten Weghören. Oder gleich beim Anschauen des besagten Fotos. So zeigt das alles am Ende auch den Hang des merkelschen GroKo-Deutschlands zur Symbolpolitik und zur intellektuellen Komfortzone.

Wahrscheinlich nicht geplant, aber auch nicht ungelegen…

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